Österreichische Designgespräche auf Schloss Hollenegg: Design + Wirtschaft = Mehrwert + Erfolg
Kreativwirtschaft und klassische Wirtschaft im Dialog
Bei wunderbarstem Sommerwetter wurde das Schloss Hollenegg erneut zur perfekten Kulisse für diesen wichtigen Austausch, der die Schnittstelle zwischen Kreativwirtschaft und klassischer Wirtschaft beleuchtet und graue Theorie mittels spannender Praxisbeispiele greifbar machte. Der ehrwürdige, dank Steingemäuer natürlich gekühlte Saal war mit interessiertem Publikum fast bis auf den letzten Platz gefüllt – und wurde laut SFG-Geschäftsführer Christoph Ludwig zu einem „echten Kraftort“.
Die Österreichischen Designgespräche wurden von der Steirischen Wirtschaftsförderung SFG, Stadt Graz und WK-Steiermark veranstaltet in Kooperation mit dem Schloß Hollenegg for Design, designaustria, der CampusVäre – Creative Institute Vorarlberg und dem Holzcluster Steiermark. Zur Begrüßung brachte WK-Steiermark-Vizepräsidentin Gabi Lechner den Leitgedanken der Designgespräche auf den Punkt: „Kreativwirtschaft sagt als Wort eigentlich schon alles: Ohne Kreativität gibt es keine Wirtschaft.“ Alice Stori Liechtenstein von Schloss Hollenegg for Design freute sich über die „starke Kontinuität der Zusammenarbeit“. Auch Karlheinz Schuster, Bürgermeister von Bad Schwanberg, unterstrich die Bedeutung der Veranstlatung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Lisa Köstl.
Die Gespräche im Detail:
Edelweiss Design + Serea Locks:
„Wir haben uns gefühlt wie ein Startup.“
Das Unternehmen pewag ist den meisten Menschen vor allem wegen eines Produkts ein Begriff: Schneeketten. Gemeinsam mit Edelweiss Design machte sich pewag auf den Weg, mit einem völlig neuen Produkt weitere Märkte und Zielgruppen zu erschließen: Serea Locks, das Fahrradschloss ohne Schlüssel und ohne Batterie, war geboren. Die starke Assoziation der Marke mit Sicherheit und Mobilität war der Ausgangspunkt für dieses Projekt. Vorgestellt wurde das Projekt von Maximilian Maurer, Head of Engineering and Projects bei pewag und verantwortlich für die Entwicklung des Produkts, sowie von Joris Zebinger von Edelweiss Design. Die technische Funktionsweise des Schlosses ist simpel, aber genial: Das Smartphone kommuniziert mit dem Schloss, das mittels Energy Harvesting „durch die Luft“ mit Strom versorgt wird – ein Akku entfällt. „Theoretisch kann das Fahrrad, der Scooter oder das E-Bike auch für Wochen unbenutzt stehen – das Schloss ist trotzdem immer einsatzfähig“, beschrieb Maximilian Maurer das Produkt Doch selbst die beste technische Idee entfaltet ihr Potenzial erst dann, wenn daraus auch ein benutzerfreundliches und ästhetisch überzeugendes Produkt entsteht. Genau hier kommt Design ins Spiel: Joris Zebinger von Edelweiss Design beschrieb, wie Zielgruppen und Marketingvorgaben zusammenfanden, wie Brainstormings zu immer neuen Überarbeitungen führten und wie sich der kreative Bereich und wirtschaftliche Interessen reiben müssen, damit aus einer rohen Idee ein fertig geschliffenes Produkt wird. Das Serea-Schloss ist gleichzeitig robust und vertrauenswürdig dank pewag-Technik, aber dennoch einfach zu handhaben und ästhetisch anspruchsvoll dank Edelweiss Design. „Ob das Großeltern sind, die mit den Enkerln radeln, ob die Surferclique auf dem Weg zum Strand in die Pedale tritt, ob Scooter oder E-Bike: Wir definieren Zielmärkte, erarbeiten User-Personas und Moodboards und begleiten so den Entwicklungsprozess“, berichtet Zebinger. Für pewag als industriellen Betrieb war die Erfahrung dieser Zusammenarbeit ganz neu: „Es war wie in einem Startup“, sagt Maurer, „als Industriebetrieb macht man so etwas sonst nicht.“ Gerade die Metallbranche ist extrem konservativ, erzählte Maurer. Gleichzeitig wächst der Druck durch günstige Importe aus China ständig. Bewusst auf Qualität statt Preiskampf zu setzen, war also eine goldrichtige Entscheidung. Die Zusammenarbeit trägt Früchte: Serea Locks ist bereits erfolgreich im Handel sowie über die Website erhältlich.
Designstudio ES + Alles wird gut:
„Design darf irritieren, aber es muss funktionieren.“
Architekturbüro-Webseiten sind berüchtigt für ihre Experimentierfreude und die Irritationen, die sie mitunter auslösen. „Unbenutzbar“ schimpfen die einen, „erzählt eine Geschichte“ entgegnen die anderen ganz begeistert. Wo auf dieser Skala würde sich ein Büro am besten einordnen, das mit dem Namen „Alles wird gut“ bereits einen selbstbewussten Anspruch vermittelt, und das in allen einschlägigen Bereichen wie Wohnbau, Bildung, Städtebau und Kultur? Den Entwicklungsprozess stellte Herwig Spiegl gemeinsam mit Verena Panholzer vom Designstudio ES vor, das für seine experimentelle, typografisch präzise und medienübergreifende Gestaltung bekannt ist. Die Seite musste mehrere Aufgaben erfüllen: Sie sollte für die Mitarbeitenden ein repräsentatives Portfolio bieten. Sie sollte Haltung in Gestaltung überführen. Und mehrere Ebenen und Prozesse zu einer stimmigen Erzählung verknüpfen. Was nicht unbedingt gefragt war, ist die langweilige Zurverfügungstellung von Daten: „Wir sind keine Webseite für Zugfahrpläne.“ Die Lösung war die Zerlegung des digitalen Raums in die Bereiche „Now“, „Today“, „Tomorrow“ und „Everyday“. Als Symbol für das Reisen durch Raum und Zeit marschiert ein Astronaut über den Bildschirm. Trotz der visuellen Ausgefallenheit liefert die Seite dennoch alle relevanten Informationen. Sobald die Idee am Tisch war, konnte Herwig Spiegl sich „entspannt zurücklehnen“: „Ich habe einfach vertraut. Wir haben die Kreativen machen lassen, wir haben losgelassen. Am Ende hat uns ihre Arbeit genau so dargestellt, wie wir wirklich sind.“ Letztlich kreiste der gesamte Talk um eine zentrale Frage: Wie viel Überraschung verträgt ein digitaler Auftritt? Oder: Was darf Design? Herwig Spiegl hat während des Relaunch-Prozesses dafür die passende Antwort für sich gefunden: „Design darf irritieren, aber es muss funktionieren.“
Keynote
Sabrina Oswald, Creative Industries Rat im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus
„Wir bohren harte Bretter“
Neben Technologie und Wirtschaft ortet Sabrina Oswald die „dritte Säule der Innovation“ bei der Kreativwirtschaft. Kreativität, sagt sie, darf nicht erst am Ende eines Entwicklungsprozesses Gestaltung oder Kommunikation übernehmen, sondern muss Innovation von Beginn an mitentwickeln. Denn: Die großen Herausforderungen unserer Zeit sind schon längst nicht mehr rein technischer Natur. Die Schlagwörter Digitalisierung, Künstliche Intelligenz oder Fachkräftemangel seien zwar wichtige Themen, doch Transformation scheitere selten an der Technologie selbst. Es geht vielmehr darum, welche „Geschichten wir erzählen“ und welche Haltung wir alle in Bezug auf Technologie einnehmen. Design und Kreativität sind „kein dekorativer Zusatz“, betonte sie, sondern ein strategischer Wettbewerbsfaktor. Erst die Kreativwirtschaft verbindet Technologie mit Sinn. Sie verbindet Innovation mit Menschen und Veränderung mit Akzeptanz. „Design gibt Innovationen eine Richtung.“ Sie erzählte, dass immer mehr Menschen aus dem Kreativbereich „ihre Verzweiflung darüber zum Ausdruck bringen, wir stark sich ihr Business verändert hat“. Ein großer Faktor ist hier zweifelsohne Künstliche Intelligenz. Diese schafft für sich genommen aber keine Bedeutung, so Oswald. Bedeutung gibt es erst durch die Menschen, die Technologien einsetzen und. Darin würde auch eine große Chance für Europa liegen: Europas Stärke ist nicht Geschwindigkeit oder Effizienz gelegen, sondern die Verbindung von Technologie, Handwerk, Humanismus und einem klaren Menschenbild. „Die Aufgabe der Creative Industries ist es, Menschen Lust auf Zukunft zu machen, statt Angst vor Veränderung zu schüren. Zukunft wird nicht verwaltet – sie wird gestaltet.“
Sureja Redzic + Vitra
„Wir wollen nicht einfach Räume aufmöbeln.“
Eine ganze Schule zieht temporär um – in ein ehemaliges Industriegelände. Auf einmal stellen sich Fragen: Wie gelingt es, aus einer so tiefgreifenden Veränderung eine funktionierende Lern- und Arbeitsumgebung zu entwickeln, die den Anforderungen einer heutigen Schule gerecht
wird? Eine Schule war gefragt, die mit neuen Unterrichtsformen, offenen Arbeitsbereichen, Begegnungszonen und flexiblen Nutzungsszenarien umgehen kann. Ein Ort, wo Menschen sich wohl fühlen. Diese Aufgabe klingt überwältigend und stand für die Schule für Gestaltung Bern und Biel zur Diskussion. Es lag nahe, sich Expertinnen und Experten aus dem Designbereich ins Boot zu holen. Im Talk erzählten Sureja Redzic, Interior Architect Consulting & Planning Studio, und Michaela Freisinger, Market Manager Home & Office, wie mit Designkompetenz, Know-how und zirkulärem Denken neue Räume entstehen können. Bei solchen Projekten geht es zuerst darum, Kunde oder Kundin gut kennenzulernen. Und das geschah in diesem konkreten Fall auf ungewöhnliche Weise: Die Schule trat an das Designbüro bereits mit einem ausformulierten Wunsch heran. Bis sich herausstellte, dass nicht einmal Möblierung gefragt war, sondern ein Gesamtkonzept. In Analysen und Gesprächen wurde herausgearbeitet, worauf es ankommt. Sureja Redzic nennt das den Plan „Five steps to happiness” – von Sensibilisierung über Analyse und konkrete Pläne bis zur Umsetzung. Ganz wichtig dabei: Die Schule diente nur als anschauliches Beispiel. Designkompetenz kommt überall dort zum Einsatz, wo Räume neu gedacht werden müssen, wo sich Arbeitsumgebungen ändern und Unternehmen sich komplett neu aufstellen. Dass Design in diesem Prozess von Anfang an an Bord sein muss, ist für Sureja Redzic selbstverständlich. „Wir sehen Projekte ganzheitlich und wollen nicht einfach Räume aufmöbeln“, betont sie. Doch mit dem Abschluss eines Projekts endet diese Begleitung nicht. Veränderung ist Teil des Designprozesses. „Wir sind völlig neue Wege gegangen“, sagte Sureja Redzic, „und die Flexibilität müssen wir uns erhalten. Sie ist der Rahmen, in dem Gestaltung passiert.“
FiLAFiL! + Lukas Kapeller
„Erst nachher war mir bewusst, wie richtig diese Entscheidung war.“
Teresa Urbano arbeitet gern mit Menschen aus der Gastronomie. Mit ihrem Wiener Atelier FiLAFiL! entwickelte sie für Lukas Kapeller und sein Hotel- und Restaurantprojekt eine maßgeschneiderte textile Linie – von Vorhängen über Bettwäsche und Tischwäsche bis hin zu Servietten und Handtüchern. „Oft stecken diese Menschen tiefer im kreativen Prozess, als ihnen selbst bewusst ist“, sagte sie. Die Gastronomie ist eine Branche voller Sinnlichkeit, voller Gespür für alles, was andere Menschen anspricht. „Architektur und Licht geben viel vor. Meine Aufgabe ist es dann, diesen Ball aufzugreifen und die Identität des Unternehmens herauszuarbeiten“, sagt die Designerin. Ihr Talk-Partner Lukas Kapeller betreibt in Steyr ein Restaurant und Boutiquehotel in einem Dachgeschoß. Urbano Teresa Urbano musste mit ihrem Design Architektur, Atmosphäre und Kulinarik unter einen Hut bringen. Der Gastronom wollte ursprünglich einfach, dass sein Ort der Gastlichkeit voller Schönheit ist: „Ich mag einfach schöne Sachen“, betonte er mehrfach während des Talks. Aber Design geht eben über Schönheit hinaus. Es muss eine Sprache sprechen, das Unternehmen in seinem Charakter zur Geltung bringen. Und: Es muss funktional sein. Bei Lukas Kapellers Hotelbetrieb war die Bettwäsche ein wunderbares Beispiel. Hotelbettwäsche wird meistens automatisch mit „weiß und perfekt gebügelt“ assoziiert. Dass dahinter ein industrieller Waschvorgang, optimiert auf große Häuser, steckt, wird oft vergessen. Kapellers Betrieb umfasst nur fünf Zimmer, die persönlich betreut werden. Teresa Urbano verabschiedete sich daher von der weißen Bügelwäsche und gestaltete eine textile Lösung mit farbigem, bewusst zerknittertem Stoff, der Wärme und Heimeligkeit ausstrahlt und zugleich pflegeleicht ist. Immer wieder erwähnen Gäste beiläufig, wie gut ihnen die Ausstattung gefällt – gerade weil sie etwas „anders“ ist.
Georg Wanker Industrial Design + Combyn Health Care
„Erfolg ist zu 100 % an Design gebunden.“
Gesundheitsdaten an sich selbst zu messen und auszuwerten erlebt seit Jahren einen richtigen Boom, vor allem in Form von Smartwatches und Fitnessarmbändern. Ärztlich abgesichert sind solche „Diagnosen“ natürlich nicht, aber sie geben Menschen wertvolle Einblicke in ihren Gesundheitszustand, können Hinweise auf Probleme geben und motivieren zu einem gesünderen Lebensstil. Dieser Gedanke steckt hinter dem Produkt „BioCore Loop“, einem multifunktionalen Messgerät, in das man sich mit dem gesamten Körper hineinsetzt. Es sieht aus wie der Innenraum eines Miniraumschiffs, umfasst eine bequeme Liege, ist anpassbar an fast alle Körperdimensionen und ist mit unsichtbaren Sensoren ausgestattet, die innerhalb weniger Minuten ein EKG erstellen und andere Körperfunktionen messen. Die erfassten Daten gibt es aufs Smartphone und eine ausgeklügelte ID-Technik verhindert, dass Gesundheitsdaten in falsche Hände gelangen. Der Kopf dahinter ist Falko Skrabal von Combyn Health Care. Er ist Universitätsprofessor, war Chefarzt bei den Barmherzigen Brüdern in Graz und hat einen kreativen Zugang zu moderner Medizintechnik. Erste Entwürfe der Messstation basierten auf einer ordinären Wellness-Liege, an die man die Testperson festband, und waren nicht zufriedenstellend: „Es erinnerte an einen elektrischen Stuhl.“ Höchste Zeit also, jemanden zu Rate zu ziehen, der sich mit der Gestaltung von Produkten auskennt. Der bekannte Industrial Designer Georg Wanker dachte die „Messliege“ neu – und nach unzähligen Illustrationen, Brainstormings und hitzigen Debatten gelangte man zu einem ansprechenden, einfach zu bedienenden Objekt, in das sich die zu testende Person einfach hineinsetzt. „Wir haben auch richtig gestritten. Form folgt Funktion? Ich habe alles in Frage gestellt“, erinnert sich Skrabal an den Designprozess. Aber Georg Wanker versteht sein Handwerk. Skrabal sagte über ihn: „Eines seiner größten Talente ist sein Größenwahn.“ Wenn er sich etwas vorgenommen hat, dann wird es auch umgesetzt. Für Skrabal das wichtigste Learning aus dem gesamten Prozess: „Der Erfolg eines Produkts ist zu 100% an Design gebunden.“
Die Metzlerin + Wirtschaftskammer Vorarlberg
„Schönreden bringt nichts, denn die Wahrheit ist drei Klicks entfernt.“
23.000 Menschen arbeiten in Vorarlberg im Handel, darunter 1.000 Lehrlinge. 7.000 Unternehmen sind es insgesamt. Dennoch ist der Ruf nicht der beste, wenn es um Lehrlingsausbildung geht. „Wenn das Kind nach Hause kommt und sagt, ‚Mama, ich möchte in den Handel gehen‘, dann stößt das nicht immer auf Begeisterung“, war sich Daniela Metzler, bekannt als „die Metzlerin“, beim Talk bewusst. Sie brachte auch die Gedanken ihrer Projektpartnerin Carina Pollhammer von Spar Vorarlberg ein, die nicht am Talk teilnehmen konnte. Der Handel prägt unsere Welt wie kaum eine andere Branche, dennoch halten sich Vorurteile hartnäckig, war der Tenor. Die Wirtschaftskammer Vorarlberg nahm sich vor, dem immer noch verbesserungswürdigen Image der Branche etwas entgegenzusetzen. Aber es sollten keine weichgespülten Werbeplakate sein. Die Designerin Daniela Metzler schlug vor, die Geschäfte selbst zur Werbefläche zu machen – etwa die Schaufenster. Sie sollte dort stattfinden, wo die Menschen sind: im Geschäft. Die Designerin schuf mit „Der Vorarlberger Handel“ einen eigenen Markenauftritt für die Kampagne. Was sofort auffällt: Die auf den Sujets dargestellten Personen sind weit entfernt von glamourös-aufgehübscht: „Unsere Kampagne ist humorvoll, aber ohne Schönreden, denn heutzutage ist die Wahrheit drei Klicks entfernt.“ Schönfärberische Werbung funktioniert in Zeiten von Social Media eben nicht mehr. Dafür darf ordentlich gelacht werden: „Schmunzeln löst Sympathie aus“, erklärte „Die Metzlerin“, als gerade ein Lehrlingssujet auf dem Bildschirm zu sehen war: „Lehre im Handel – Dienstwagen inklusive“, wobei der „Dienstwagen“ ein Gabelstapler mit Paletten war. Die Models sind sympathisch, aber nicht bis zur Unkenntlichkeit weichretuschiert. Sie lachen, ohne gefällig zu wirken. Es ist diese Authentizität, die die Kampagne so gut macht. Lehrlinge, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Unternehmen, Kundinnen und Kunden – sie alle sollen sich in ihr wiederfinden können: „Wir machen Menschen sichtbar“, so Metzler. Die Kampagne umfasste hunderte von kleinen und großen Werbeflächen an den Shops selbst. Niemand kam an den frechen Motiven ohne Schnörkel vorbei: „Denn der Handel sucht Arbeitskräfte mit Charakter. Menschen, die gern entscheiden, anpacken, beraten, überraschen.“
Johannes Scherr Design + Grüne Erde
„Oft ist die einfachste Lösung die komplexeste.“
Echte Kreativität zeigt sich dann, wenn der Möglichkeitsraum eingeschränkt ist. Das ist eindeutig der Fall, wenn man als Möbeldesigner für Grüne Erde arbeitet. Die Marke gibt strenge Gestaltungsregeln vor. Dass es Naturmaterialien sein müssen, ist selbstredend. Allerdings sind auch Kunststoffe und sogar Metallverbindungen tabu. Unter diesen Vorgaben Möbel zu designen – Regal, Bett, Schrank –, klingt fast unmöglich. Aber Johannes Scherr sieht in dieser Beschränkung die Stärke der Produkte. Das Regal „Tonda“, der jüngste Neuzugang im Sortiment von Grüne Erde, ist so konzipiert, dass die Holzsteckverbindungen durch Belastung stabiler werden. Außerdem kann das Regal jederzeit zerlegt und wieder aufgebaut werden. „Bei so einer Qualität traut man sich dann auch, eine lange Garantie zu geben. Oft ist die einfachste Lösung die komplexeste“, fügte Johannes Ebner von Gründe Erde hinzu. Ein Jahr hat die Entwicklung gedauert. „Ich bin in erster Linie Produktgestalter“, sagt Scherr über sich selbst. Die Aufgabe war, ein schlichtes, eher konservativ anmutendes Regal zu gestalten, das zeitlos und außerdem skalierbar ist. Johannes Ebner von Grüne Erde hatte bei der Entwicklung aber auch die wirtschaftliche Brille auf: „Wir haben gerungen um den Kompromiss zwischen Kosten und Qualität.“ Schon ein Millimeter mehr Material würde sich deutlich zu Buche schlagen. Die Zusammenarbeit mit Grüne Erde gibt es seit 2014. Das Zusammenspiel funktioniert hervorragend und hat mittlerweile eine gesamte Produktreihe hervorgebracht, unter anderem auch ein Bett, das ebenso auf Steckverbindungen aus purem Holz setzt. Johannes Scherr hat bisher über 30 Designpreise bekommen – das Regal „Tonda“ durfte sich über den Adolf Loos Staatspreis Design freuen.
EOOS + LAUFEN
„Gutes Design bereitet keine Kopfschmerzen.“
Design schreckt für nichts zurück. Nicht einmal vor menschlichen Ausscheidungen. Denn oft sind es die banalsten Alltagsdinge, die – richtig gestaltet – einen massiven positiven Impact auf das Leben haben. „Save!“ ist die erste Urin-Trenn-Toilette, die alle Standards und Normen erfüllt und sich in Gestaltung und Nutzung nicht von einer „normalen“ Toilette unterscheidet. Der Sinn des Produkts: Durch die Trennung von Urin und Fäkalien am „Ort des Geschehens“ werden Stickstoff, Phosphor und Mikroverunreinigungen von etwa Medikamenten entfernt, was die Infrastruktur von Kläranlagen entlastet. In Schwellenländern sowie in den großen Metropolen der Welt ist das alles noch um einen Faktor relevanter. Die Entwicklung einer solchen Toilette war ein großer Aufwand, der mit Studien begann, die Menschen beim Toilettengang erforschte. „Eine Toilette ganz neu zu entwickeln, das ist kein Kindergeburtstag“, sagte Christian Schäfer von Laufen, „Aber das ist unser Job.“ Aus der Idee entstand ein physikalisches System, das sich den „Teekannen-Effekt“ zu Nutze macht: Die Oberflächenspannung leitet die Flüssigkeit ab. Verpackt wurde das Ganze in einem Objekt, bei dem Nutzer und Nutzerin nicht merken, dass sie auf einer „besonderen“ Toilette sitzen. Hier zeigt sich der Kern guten Designs: Es holt Menschen bei ihren Bedürfnissen ab, braucht keine großartigen „Bedienungsanleitungen“ und sieht darüber hinaus auch noch ansprechend aus. „Gutes Design bereitet keine Kopfschmerzen“, brachte Lotte Kristofferitsch von EOOS es auf den Punkt. „Save!“ erfüllt alle Merkmale guten Designs. Außerdem hat es einen starken sozialen Fokus: „Social Design heißt, dass der Kunde die ganze Welt ist.“ „Save!“ ist übrigens bereits im Einsatz: im Headquarter der European Space Agency in Paris, im Wiener Projekt Stadtregal sowie im österreichischen Beitrag „Seaworld Venice“ der heurigen Biennale in Venedig.
Die Designgespräche in Bildern
(c) Rodarich